Ausstellung "Berühmte Österreicher/innen aus den böhmischen / tschechischen Ländern" Europa

Alle Österreicher werden schon das mit dem Radetzky-Marsch beendete Neujahrskonzert der Wiener Philharmonie gehört haben. Doch wem kommt es dabei in den Sinn, dass der berühmte Feldmarschall Radetzky in Böhmen geboren wurde und sogar dem böhmischen Uradel angehörte? Unsere beiden Staaten haben eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte, die bis zur Regierung des Königs Ottokar II. (Otakar II.), dem Gemahl der letzten Babenbergerin Margarete von Babenberg (Margareta von Österreich, Markéta Babenberská), reicht.

Damals wurden die ersten Tschechen in Wien ansässig. Seit 1526 waren sie unter der Herrscherfamilie Habsburg vereinigt, in einer Monarchie, die bis 1918 eine wichtige Macht in Europa darstellte. Prag verlor bereits im Jahre 1614 seine Position der Hauptstadt zugunsten von Wien, doch die Tschechen haben nichtsdestoweniger geholfen, die Siedlungsstadt im Jahre 1683 gegen die türkische Gefahr zu verteidigen (Zdenko Kaplíř ze Sulevic). Als unter Maria Theresia die Theresianische Akademie in Wiener Neustadt gegründet wurde, gab es dort von Anfang an auch Tschechischunterricht. Die Reformen von Maria Theresia und Josef II. kamen auch in Böhmen zur Geltung (Aufhebung des Jesuitenordens, Toleranzpatent, Aufhebung der Leibeigenschaft, Gleichberechtigung der Juden).

Seit dem Ende des 18. Jh. kam es in dem Böhmischen Ländern zur Entfaltung der Nationalwiedergerburtsbewegung, doch bis 1848 herrschte der „Landespatriotismus“. Erst seit 1848 kamen in der Monarchie infolge des aufwachsenden Nationalismus von der tschechischen und deutschen Seite zur separatistischen Tendenzen. Die Entstehung der „Doppelmonarchie“ bedeutete auch das Ende des vom František Palacký propagierten Austroslavismus. Im Laufe des 19. Jahunderts kam es in den böhmischen Ländern zu einer starken industriellen Entwicklung und Böhmen wurde zum „Produktionsherz“ der ganzen Monarchie.

Nichtsdestoweniger strömten Tausende und Abertausende von Bewohnern der ärmeren Landesgebiete (z.B. Südmähren) nach Wien um dort bessere Lebensmöglichkeiten zu suchen. Nicht alle waren glücklich dabei – sie hatten keine Bildung und arbeiteten dort in untergeordneten Positionen. Erwähnenswert sind die bekannten „Ziegelböhm“, die oft unter harten Bedingungen (Arbeitstag von 18 Stunden) lebten und arbeiteten. Weniger bekannt ist, dass sowohl ihr Brotgeber, der Ziegelbaron Heinrich Drasche, der zweite Begründer der bis heute bestehenden Wienerberger AG als auch der Sozialdemokrat Victor Adler, ebenfalls aus den böhmischen Ländern, namentlich aus Brünn und aus Prag, stammten. An die böhmischen „Sandler“ erinnert in Wien bis heute der „Böhmische Prater“. Es waren jedoch nicht nur die „Ziegelböhm“, die die Ringstrasse bauten, sondern auch die böhmischen Baumeister: der in Vlašim/Wlaschim geborene Franz Schebek und vor allem der aus Přeštice/Prestitz stammende Josef Hlávka, der die Wiener Oper baulich beendete.

Der Großteil der Wiener Tschechen lebte in der Wiener Vorstadt Favoriten (wie z.B. Matthias Sindelar, genannt der „Papierene“, der beste Fußballer Österreichs im 20. Jh.). Zur Bildung der böhmischen Minderheit entstand im Jahre 1872 der „Schulverein Komensky“, dessen 150. Gründungsjubiläum im Jahre 2022 gefeiert wird. Dem Obmann des Schulvereins, Herrn Ing. Karl Hanzl, wurde am 28.10.2021 anlässlich des tschechischen Nationalfeiertags eine hohe Auszeichnung erteilt.

Die erste tschechische Volksschule wurde im Jahre 1883 in der Quellengasse (Favoriten) errichtet. Die Tradition der tschechischsprachigen Bildung in Wien wird bis heute verfolgt – beide tschechische Schulen befinden sich im 3. Wiener Bezirk (Landstraße). Nach Wien strömten nicht nur die armen Bewohner Böhmens, Mährens und Schlesiens wegen des Broterwerbs, sondern auch Studenten, die dort ihre Bildung beenden und anschließend Karriere machen wollten – z. B. der Psychiater Sigmund Freud, der Komponist Gustav Mahler, der Philosoph Edmund Husserl, der Physiker und Logiker Kurt Gödel, der Physiker und Philosoph Ernst Mach und der Schriftsteller Robert Musil. In Wien studierte auch der erste tschechoslowakische Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk. Andererseits gab es viele Professoren der Prager Universität, die als Pädagogen an der Wiener Universität tätig waren  – z. B. die Mediziner Josef von Škoda (geb. in Pilsen, Onkel des Begründers der Škoda-Werke ), Karl Freiherr von Rokitansky (geb. in Königgrätz) und Ferdinand von Hebra (geb. in Brünn). Sie galten als Begründer der „Zweiten Wiener Medizinische Schule“. Josef Hyrtl, der Anatomie-Professor und Eigentümer des angeblichen Mozart-Schädels, studierte an der Wiener Universität beim tschechischen Professor Josef Julius Czermak/Čermák. Mit 26 Jahren wurde er zum ordentlichen Professor an der Prager Universität ernannt, wo er vor seiner Rückkehr nach Wien in den Jahren 1837–1845 tätig war. Der erste Präsident der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk, hat nicht nur in Wien studiert, sondern war in den Jahren 1878–1882 als Privatdozent ebenfalls an der Wiener Universität tätig. Aus den böhmischen Ländern stammten auch die in Wien lebenden Adeligen (z.B. Lobkowicz, Harrach, Czernin. Kinsky), Alexander (Sascha) Graf von Kolowrat, Begründer der Filmindustrie in Wien, war aus dem böhmischen Uradel.

Laut einer Volkszählung in 1900 lebten damals in etwa 250.000 bis 300.000 Tschechen in Wien. schätzen. Wien galt als zweitgrößte tschechische Stadt Europas und die Tschechen bildeten dort die größte und bedeutendste Minderheit. Nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie und Entstehung der Tschechoslowakei haben rund 100.000 Tschechen Wien verlassen, der Rest lebte dort ruhig bis zum Anschluss. Nach dem Anschluss hat die Tschechoslowakische Republik den politischen Flüchtlingen aus Österreich Asyl gewährt. Die aus den böhmischen Ländern stammenden Personen kann man auch unter den österreichischen Widerständlern und Opfern des Nazisregimes finden: Pater Roman Scholz, geb. in Schönberg, hingerichtet 1944, Maria Restituta Kafka, geb. Hussowitz/ Brünn, hingerichtet 1943.

Aus den böhmischen Ländern stammen auch viele österreichische Staatsmänner: der Bundespräsident Karl Renner (geb. in Dunajovice /Untertannowitz im Thaya-Tal) und der Vizekanzler und späterer Bundespräsident Adolf Schärf (geb. in Mikulov/Nikolsburg). „Böhmische Wurzeln“ wiesen noch weitere österreichische Bundespräsidenten und Bundeskanzler auf.

Der „Eiserne Vorhang“ bedeutete eine Unterbindung der bisher regen Beziehungen beider Länder, doch seit der Wende 1989 hat sich die Lage geändert. So war z. B. Jiří Gruša, Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien (2005–2009), oder Jaromir Oulehla, Direktor der Spanischen Hofreitschule (1985 bis 2000).

Text: Dipl.-Ing. Dr. Gabriela Kalinová, Prag